die alte, regelbasierte Weltordnung ist Vergangenheit – das müssen wir akzeptieren. Diese düstere Einschätzung aus der vielbeachteten Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney in Davos mag zunächst entmutigend klingen. Aber der Schluss, den Carney daraus zieht, eröffnet Handlungsspielräume. Er skizziert einen neuen Ansatz, bei dem die sogenannten Mittelmächte, wie Kanada und Europa, diese geopolitische Zäsur als Basis nutzen, um etwas Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufzubauen: eine neue Ordnung, basierend auf geteilten Werten wie den Menschenrechten, nachhaltiger Entwicklung und Solidarität.
Doch nicht nur auf globaler Ebene steht die liberale Demokratie unter Druck, sondern auch bei uns in Deutschland – und mit ihr der Klimaschutz: Begriffe wie "Ökodiktatur", "Heiz-Hammer" oder "grüne Eliten" prägen den öffentlichen Diskurs zunehmend und stellen Klimaschutz als Bedrohung individueller Freiheiten dar. Wie solche Narrative entstehen, wer sie verbreitet, wie sie die öffentliche Wahrnehmung des Klimawandels beeinflussen – und vor allem, wie wir sinnvoll damit umgehen können und welche Rolle die Wissenschaft hier spielt – darum ging es Anfang Januar bei "Demokratie unter Druck Vol. 2: Rechte Narrative – die Rolle der Medien im Klimadiskurs". Das gesamte Event ist auf Youtube abrufbar, ebenso wie die drei Impulsvorträge der geladenen Expert*innen:
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch das Impulspapier "Widerstandsfähigkeit stärken: Was Wissenschaftskommunikation Verunsicherung und Bedrohung entgegensetzen kann": Beim Siggener Kreis 2025 haben Forschende und Expert*innen analysiert, wie sich das Vertrauen in die Wissenschaft wandelt, warum skeptische Stimmen immer stärker den Diskurs bestimmen und wie Forschende und Wissenschaftskommunikator*innen damit umgehen können.
Was also tun bei all dem Gegenwind, den es aktuell für die Umsetzung der dringend notwendigen Transformationsprozesse gibt? Wir am Wuppertal Institut sind überzeugt: Wir müssen die Menschen mitnehmen. Wir müssen deutlicher herausarbeiten, wo der gesellschaftliche, aber auch der direkte oder indirekte private Nutzen von Veränderungen liegt. Dazu verbinden wir unsere evidenzbasierte Forschung konsequent mit sozioökonomischen Fragen und der Lebenswirklichkeit der Menschen – etwa im Gutachten "Perspektiven für eine Weiterentwicklung der Grundversorgung mit Strom und Gas", das wir im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. erstellt haben, oder dem Artikel "Faire Warmmieten sind machbar: Wärmewende ohne soziale Schieflage", der Anfang des Monats in der Fachzeitschrift "politische ökologie" erschienen ist.
Die soziale Frage stellt sich jedoch nicht nur im eigenen Heizungskeller oder beim Blick auf die Stromrechnung, sondern auch in unseren Städten und Gemeinden. Das zeigt sich exemplarisch in der Wuppertaler Studienarbeit "Lokale Umweltbelastung und Armutssegregation: eine räumliche Analyse in Bochum". Und mit der Studie "Typisierung von Versorgungsaufgaben – Fallstudie im Rheinischen Revier" zeigen unsere Forschenden, wie die Umstellung auf eine treibhausgasneutrale Energieversorgung auf regionaler Ebene funktioniert – und wie sich dabei Synergien erkennen und Konflikte vermeiden lassen.
Doch Konflikte sind nicht nur sozialer Natur, sie können auch zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen auftreten, etwa wenn der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum im Widerspruch zu Flächen-, Klima- und Ressourcenschutz steht. Ansätze zur Lösung dieser Konflikte liefert der Wuppertal Report "Triple I: Drei Integrationsherausforderungen auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt von morgen". Womit wir wieder bei Carneys Ansatz wären: Wir können die Zäsuren der Nachhaltigkeitstransformation als Basis nutzen, um etwas Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufzubauen. Nämlich einen nachhaltigen und sozial gerechten Ansatz, der auf geteilten Werten basiert, Umweltschutz mit Resilienz Wettbewerbsfähigkeit verbindet – und die Menschen mitnimmt, indem er die soziale Frage konsequent mitdenkt. Immer. |