nach Angaben des Robert Koch-Instituts gab es bis Mitte September 2026 bereits über 16.300 Hitzetote in Deutschland – davon starben allein 9.600 Menschen in der besonders heißen 26. Kalenderwoche, also zwischen dem 22. und dem 28. Juni, an den Folgen extremer Hitze. Dies führt schmerzhaft vor Augen, dass das Thema Hitze eine zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaft ist. Aber auch die Wirtschaft und die kritischen Infrastrukturen geraten zunehmend in Mitleidenschaft: Durch die langanhaltende Hitze verformten sich Bahngleise, Straßenbeläge platzten auf und brachten auch Stromnetze an ihre Grenzen. Der Rhein und andere Flüsse in Deutschland führten wochenlang extremes Niedrigwasser, verbunden mit sehr deutlichen Einschränkungen für die Binnenschifffahrt. Dass Kommunen sogenannte Hitzeaktionspläne aufstellen sollen, hatte das Bundesumweltministerium schon 2017 beschlossen – und auch Handlungsempfehlungen dafür veröffentlicht. Die SPD-Bundesminister*innen legten im August auch einen Hitze-Aktionsplan vor und forderten eine Verfassungsänderung für mehr Klimaanpassung. Darüber hinaus hat die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer alljährlichen Rede zur Lage der Union am 16. September im Europaparlament einen europäischen Plan gegen die Folgen von Hitzewellen angekündigt – mit dem Fokus auf bessere Frühwarnsysteme und Krisenvorsorge im Gesundheitswesen.
Dies ergibt alles Sinn und ist angesichts der zunehmenden Extremwettersituationen dringend notwendig. Doch politischer Wille und Absichtserklärungen allein reichen nicht aus. Um die mit den Veränderungen des Klimas verbundenen Herausforderungen nachhaltig zu bewältigen, braucht es auch eine systematische Neuausrichtung – etwa mithilfe einer "Kältewende". Die Anlehnung an die Wärmewende beim Heizen ist ganz bewusst gewählt, da die Herausforderungen ähnlich sind. Die Kältewende beschreibt ein ganzheitliches, nachhaltiges und sozial gerechtes Konzept zur Kühlung unseres Lebensraums. Es geht nicht darum, das Klima künstlich herunterzukühlen, sondern darum, wie wir Gebäude, Städte und kritische sowie soziale Infrastrukturen verlust- und schadenfrei durch extrem heiße Phasen bringen – ohne dabei das Stromnetz zu überlasten oder das Klima durch noch mehr Emissionen weiter aufzuheizen. Besonders für vulnerable Gruppen ist das eine Überlebensfrage: In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen müssen geschwächte, kranke und ältere Menschen vor lebensbedrohlichem Hitzestress geschützt werden, während in Schulen und Kitas die Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit unserer Kinder akut gefährdet sind.
Wie eine solche Kältewende in der Praxis aussieht und wo wir ansetzen müssen, diskutieren Prof. Dr. Alexander Fekete, Professor für Risiko- und Krisenmanagement am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der Technischen Hochschule Köln, und Constanze Schmidt, wissenschaftliche Referentin für strategische Themenfeldentwicklung Klimaanpassung am Wuppertal Institut, in der aktuellen Episode unseres Podcasts Zukunftswissen. Schmidt plädiert für ein koordiniertes Vorgehen in klaren Schritten. Unabhängig von notwendigen Anpassungsmaßnahmen ist klar, dass es verstärkte Bemühungen für den Klimaschutz braucht, damit Hitzewellen künftig weniger stark ausfallen. In Bezug auf die Anpassung steht an erster Stelle die passive Kühlung der Städte – beispielsweise durch Entsiegelung, Bäume, Fassadenbegrünung und helle Anstriche. Erst dann komme eine effiziente, aktive Kühlung infrage, wobei Schulen, Kitas, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser Vorrang haben sollten. Ergänzend ordnet Fekete Hitze aus Sicht der Gefahrenabwehr ein, denn sie betreffe fast alle Bereiche der kritischen Infrastruktur. Er nennt auch ihre Schwachstellen und fordert ein stärkeres Bewusstsein in der Bevölkerung. Gemeinsam diskutieren die beiden mit Host Jonas Zerweck außerdem darüber, wie sich Kühlung sozial gerecht gestalten lässt und Zugang zu kühlen Räumen für möglichst viele geschaffen werden können. Ein Weg seien kühle öffentliche Orte wie Museen oder aufmerksame Nachbarschaften, denn zu den Hitzetoten zählen laut Schmidt insbesondere viele alleinstehende Menschen. Zudem sprechen sie darüber, warum das Thema politisch bislang zu wenig Priorität hat, welche Rolle kommunale Hitzeaktionspläne spielen und was ihnen Mut macht.
Behalten wir einen kühlen Kopf statt in hektischen Aktionismus zu verfallen – und starten mit der ganzheitlich ausgerichteten Kältewende, bevor das Thermometer wieder nach oben klettert! |