diesen Monat haben wir in Deutschland alle natürlichen Ressourcen verbraucht, die die Erde in einem Jahr aufbauen kann – und so viel CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen, wie unser Planet aufnehmen kann. Denn am 10. Mai war der deutsche Earth Overshoot Day. Seit diesem Tag leben wir, rein rechnerisch, über unsere Verhältnisse und somit "auf Pump". Doch zum Glück haben wir zahllose Lösungsansätze, um beide Problemfelder effektiv anzugehen. Dazu ein paar Beispiele aus unserer umsetzungsorientierte Forschung:
Manchmal reicht es aus, bereits bestehende Potenziale rechtzeitig zu erkennen und gezielt zu bewahren. So steckt die Kunststoff-Recyclingbranche in Deutschland in einer schweren Krise, wie Prof. Dr. Henning Wilts im Positionspapier "Optionen für einen funktionsfähigen Markt für Kunststoffrezyklate" schreibt: Wegen fehlender Investitionssicherheit geben immer mehr deutsche Kunststoffrecycler auf, es droht eine Rezyklat-Lücke. Um sie abzuwenden und den deutschen Markt für Kunststoffrezyklate langfristig wettbewerbsfähig aufzustellen, liefert Wilts sechs Lösungsansätze, inklusive konkreter Vorschläge für die Umsetzung.
Auch die europäische Chemieindustrie leidet, vor allem unter hohen Energie- und Rohstoffkosten. Zwar konnte sie diese strukturellen Nachteile bislang durch symbiotische Stoffverbünde kompensieren, in denen die Abfälle eines Unternehmens zu Rohstoffen des nächsten werden. Aber die Kostennachteile werden immer größer und lassen sich ohne massive Investitionen in innovative Technologien nicht länger kompensieren, sagt Dr. Lukas Hermwille: Im Paper "Unpacking Competitiveness: Shaping Markets as the Way Forward for the European Chemical Industry" formuliert er fünf strategische Empfehlungen für Unternehmen und Politik. Damit lassen sich nicht nur die Rohstoff- und Energiepreise abmildern, sondern auch Spezialchemikalien von fossilen Rohstoffen entkoppeln – eine zwingende Voraussetzung, um die Chemiebranche zu dekarbonisieren.
Das Diskussionspapier "Zirkuläre Leitmärkte ermöglichen" greift noch weiter: Die IN4climate.NRW-Publikation skizziert, wie die Politik das Konzept der grünen Leitmärkte kreislauffähig machen kann und wie Unternehmen sich schon heute auf die anstehenden Rechtsakte der Ökodesign-Verordnung vorbereiten können.
All das zeigt: Eigentlich haben wir genügend Rohstoffe. Wir müssten sie nur intelligenter nutzen und fairer verteilen.
Ähnliches gilt für die weltweiten Emissionen: Das Klimaziel von Paris scheint inzwischen außer Reichweite – zumindest ohne einen Overshoot, bei dem das 1,5-Grad-Ziel zunächst überschritten, aber bis zum Jahr 2100 durch Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre doch noch erreicht wird. Daraus ergibt sich Forschungsbedarf hinsichtlich Negativemissionstechnologien, schreiben PD Dr. Peter Viebahn, Simon Block und 20 weitere Forschende: Sie schlüsseln technische und naturbasierte Optionen für negative Emissionen auf, benennen deren Potenziale und Voraussetzungen – und liefern konkrete Empfehlungen für ihre Umsetzung in Deutschland.
Eine weiterer zentraler Ansatz zur Verringerung der Emissionen ist der EU-Emissionshandel. Bei den aktuellen Forderung, die Industrie hier kurzfristig zu entlasten, ist jedoch Vorsicht geboten, mahnt Dr. Lukas Hermwille: Wer den EU-ETS schwäche, um kurzfristig Margen zu stützen, riskiere nicht nur die Statik der gesamten europäischen Klimaschutzarchitektur, sondern schade darüber hinaus genau den Unternehmen, die als Vorreiter bereits Milliarden in die Umstellung ihrer Produktionsprozesse auf Klimaneutralität investiert haben. Sein Beitrag "Der Preis der Ungewissheit" belegt das nicht nur mit konkreten Beispielen aus der deutschen Politik und Industrie, sondern zeigt auch, wie Vertrauen am Markt als Preisgarant fungieren kann. Und damit als verlässlicher Rahmen für Investitionen, in wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit und Klimaneutralität gleichermaßen. Typisch umsetzungsorientierte Forschung also. |